Freitag, 2. September 2011

Im Heute das Morgen



Als sie in den Hörsaal gedrängt wurde, kam ihr, zum wievielten Mal schon, der Gedanke, ihre Haare zu färben. Es war doch die natürlichste Sache der Welt. Rötliche Haare zu haben hob sie aus der Masse heraus. Wenn sie das gewollt hätte. Aber will sie das? Die Jungs behandelten sie wie eine besondere Beute. Wer bekommt sie zuerst in die Kiste? Ein Glück, dass Myra sie gewarnt hatte! So war sie der Blamage mit Tommy entgangen. Die Kerle waren eben doof. Sie begriffen nicht, was sie an ihr gehabt hätten.
Jenny musste aufpassen, um nicht abgedrängt zu werden. Nein. Myra hielt zwei Plätze frei. Ganz oben. Für Peggy und sie. Obwohl … Mit Myra konnte jede Veranstaltung gegen den Baum gehen. Die fand immer etwas dazwischenzureden. Das lenkte ab. Aber die Semesterarbeit musste wenigstens ein „befriedigend“ bringen. Dann bekam sie die Anwesenheit für das Semester „Praktische psychologische Probleme extraterrestrischer Lebensentwicklung“ bescheinigt. Mehr wollte sie nicht. Wenn sie im kommenden Jahr an einem College studieren wollte, brauchte sie neben dem Notendurchschnitt, der kein Problem für sie war, den Beweis für das Interesse an 50 Nebenfächern. Das war viel. Eigentlich zu viel. Und extraterrestrische Lebensentwicklung interessierte sie nicht wirklich. Aber viele der Mitschüler fanden es schick. Da hatte sie die größte Chance, nachher noch ein paar Gedanken zu korrigieren. Und diese Lesung war auf jeden Fall etwas Außergewöhnliches. Da ließ sich ein Dozent der Akademie zweimal im Jahr für die Schüler ihrer Kleinstadt dazu herab, vier Stunden Vortrag zu halten. Weil er selbst einmal hier geboren und obwohl er tatsächlich schon im All gewesen war. Na, vielleicht hoffte er, so schneller einen eigenen Lehrstuhl zu bekommen.
Die Plätze waren echt gut. Jenny versuchte, dieses unsinnige Gefühl wegzudrücken, gleich ginge eine Prüfung los. So also sah ein echter altehrwürdiger Hörsaal aus. Kein Computerkabinett mit Simultanarbeitsplätzen, sondern ein riesiger Raum mit Bänken, die aufsteigend angeordnet waren. Von den schätzungsweise 400 Plätzen waren inzwischen etwa 300 belegt und noch immer spuckten die beiden Doppeltüren schubsende Schüler in den Saal. Eigentlich war das eine ideale Gelegenheit. Wann konnte man sonst schon die Jungen beobachten, ohne dass die sich benahmen, als müssten sie was vorspielen? Eben ohne auf den Kontakterfolg mit ihr fixiert wie an den Monitoren. Nicht so unmittelbar vor dem Satz HAST DU ABER SCHÖNE BLAUE AUGEN! Wäre Tommy nicht gewesen, Jenny hätte es für ein gelungenes Kompliment gehalten, sich zumindest darüber gefreut. Diese Augen war neben jenen RÖTLICHEN Haaren das auffälligste Erbstück von ihrer Mutter und die war auch jetzt noch eine aufregende Frau. Was andere Mädchen mit extra eingesetzten Haftschalen zu imitieren versuchten, war bei Jenny Natur: Ihre Iris gab im Normalfall einen ungewöhnlich breiten Kreis blau leuchtenden Himmels preis. Aber wahrscheinlich hielten es eben alle für künstlich.
Noch drei Minuten. Jener legendäre George Buckinns hatten seinen Platz eingenommen. Offensichtlich nervös spielte er am Beamer herum. Wunderbar: Der würde also Zusammenfassung und Struktur des Vortrags an die Wand werfen. Jenny brauchte nur Fotos zu machen und sich ein paar spezielle Ausdrücke des Dozenten zu notieren.
Eigentlich war der Typ … Jenny hätte nicht sagen können, was sie von dem Mann halten sollte. Für einen, der schon eine Interstellarreise und erste Jahre an der Raumakademie hinter sich hatte, sah er extrem jung aus. Anfang 40 vielleicht. Jünger als Dad. Das war wahrscheinlich den Kälteschlafphasen geschuldet, die er durchlaufen hatte. Er hatte seinen Flug zu einer Zeit angetreten, als die Astronauten zum ersten Mal ihre Schlafsärge im Wechsel selbst einstellen durften. Sieben Frauen, sieben Männer. Keine Paare am Anfang. Ob sie sich fänden, brächte erst die Gemeinschaft der Flugzeit. Zufälle. Denn sie hatten sich geeinigt, dass immer nur zwei bis drei Besatzungsmitglieder den irdischen Wechsel von Tag und Nacht simulierten, den Flug überwachten. Es konnte also Jahre dauern, bis die eine den oder die anderen fand, die besonders mit ihr harmonierten. Dass das Team theoretisch gut harmonieren würde, hatten Tests an dafür entworfenen Geräten ihnen bescheinigt. Man hatte sie auf eine Reise von etwa 20 Jahren im Wachzustand und einen allgemeinen 100jährigen „Dornröschenschlaf“ eingestimmt. Da gehörte es dazu, sich gegenseitig zu testen, zu harmonisieren und zu verwerfen. Das gehörte zum Programm. Es konnte ja sein, dass sonst absolut nichts geschah. Ihr Hauptziel war es, das Programm zur automatischen Erkennung von Lebensformen zu testen. Was nutzten denn Sonden, deren Untersuchungsprogramme unter Umständen einen Mangel enthielten, sodass sie entweder lauter Zivilisationen meldeten oder an Planeten vorbeiflogen, die vielleicht eine zweite Erde waren oder werden konnten? Sicher konnte man nur sein, wenn man die Untersuchungsergebnisse vor Ort verglich.
Eigentlich erzählte er ganz interessant. Er schien auch nicht so ein ichbezogener Schnösel zu sein. Seine Vorstellung hatte er auf den Namen beschränkt und sich Spielereien um sein Alter verkniffen. Wenn man seine Kältschlafzeiten mitrechnete, dann hatte er schon über 320 Jahre auf dem Buckel.
Interessant, ja, aber … Jenny hätte nicht sagen können, warum sie trotz allem nur mit halbem Ohr hinhörte. Irgendetwas schien um sie herum zu knistern und sie darauf einzustellen, dass das Wesentliche des Tages noch kommen würde. Auch die erste Pause ging ohne etwas vorüber, woran sie sich später erinnert hätte.
Der Wandel trat unmittelbar nach der Pause ein. Wahrscheinlich war der Dozent selbstsicherer geworden. Vielleicht wegen der vielen Möchtegern-Studenten, die ihn in der Pause mit Fragen bedrängt hatten. Er hatte sie auf die letzten 90 Minuten vertröstet und sich die Fragen aufgeschrieben. Auf jeden Fall erwartete er den Moment gelassen, in dem endlich Ruhe und Aufmerksamkeit herrschten. Geherrscht hätten, wenn nicht ... George Buckinns ließ langsam seinen Blick über die Reihen schweifen. Gelassen erst. Dann stockte er plötzlich. Für das, was er dann tat, gab es nur einen Ausdruck. Er starrte. Er starrte Jenny an. In seinem Blick lag so viel Verwunderung, als hätte er zum ersten Mal im Leben etwas Unmögliches gesehen. Er wurde sich gar nicht bewusst, dass die ihn erfassende Schockstarre bereits von den ersten Schülern bemerkt wurde. Immer mehr drehten sich zu Jenny um, deren gesamtes Blut aus dem Körper in die Gesichtshaut zu fließen schien.
Da war der Moment vorüber. „Tja, meine Damen und Herren, wo waren wir stehn geblieben?“
Allmählich richteten sich die Blicke der Schüler wieder auf den Mann vorn. Der aber schien trotzdem sein Konzept verloren zu haben. Immer wieder schweifte sein Blick zu dem Platz, auf dem Jenny saß. Blick um Blick, Blick für Blick. Jenny hatte längst ihre Fotos vergessen, ihre Aufzeichnungen, ihr eigentlich begrenztes Interesse. Sie war sich sicher, jedes Wort, das dieser Mann da vorn sprach, war an sie gerichtet, und sollte es nicht an sie gerichtet sein, so nur, um eben das zu verbergen. Der Dozent wiederum hatte vergessen, was er wie hatte theoretisch noch hatte herleiten wollen. Gefangen in Erinnerungen erzählte er und es war ganz nebensächlich, dass 400 Augenpaare gebannt auf ihn gerichtet waren, dass 400 Schüler ihn hörten.
„ … Unser Sonnensystem war längst nicht mehr mit bloßem Auge auf der Projektionswand zu erkennen. Sie müssen dazu wissen, dass der wichtigste Raum im Schiff die Brücke war, eine gewaltige Ansammlung von Konsolen und Monitoren und eben jenem Hauptschirm. Dort wurde nicht wirklich gesteuert oder so, aber dort wurden alle Messwerte zum Flug und den Objekten, denen wir uns näherten, zusammengetragen. Der Hauptcomputer entschied, ob eine ungewöhnliche Abweichung auf den Schirm kam. Wenn er keine entdeckte, war dort die vor uns liegende Sternenwelt zu sehen – nach Wunsch mehr oder weniger nahe herangezoomt. Ich hatte gerade den Dienst übernommen. Boris hatte sich zum Schlafen gelegt, also zum einfachen Schlafen im 24-Stunden-Rhythmus. Jana hatte Freiwache. Ich nahm an, dass sie sich entweder in der Messe mit einem unserer Spezialmenüs langweilte oder im Sportraum ihre Fitness pflegte. Sie hatte mir die Wache übergeben. Unser Schiff befand sich im Inneren eines nicht total uninteressanten Sternensystems. Das heißt, Intelligenz ähnliches Leben erwarteten wir keins. Aber immerhin flogen wir in ein Sonnensystem mit Planeten hinein. Wir hatten bereits einen Gasriesen passiert, unseren Jupiter 24, und näherten uns dem Lebensgürtel des Systems. Es war an sich nichts Sensationelles, ein weiteres System mit einem Bereich entdeckt zu haben, in dem sich Leben entwickeln konnte, kein Grund, von der gewohnten Routine im Schiff abzuweichen. Gerade noch lohnend genug, für Vergleichszwecke Vermessungen durchzuführen. Ich ließ gerade den Computer den dritten Planeten bewerten. Unser großes Gehirn meinte, dass das Planetensystem eine Lebenserwartung von 9,5 Milliarden Jahren hatte. Der Planet vor uns war 3,4 Milliarden Jahre alt. Somit konnten auf ihm – sollten sich die Theorien einer gesetzmäßigen Entwicklung der Materie als richtig erweisen – Vor- oder Frühformen von Leben existieren, da er sich am günstigsten Teil des Lebensgürtels befand. Zum einen war unser Ergebnis interessant für Raumexpeditionen wesentlich späterer Zeiten, zum anderen war wichtig herauszufinden, woran es liegen konnte, dass die Entwicklung des Lebens dort eventuell ein ganz anderes Niveau als das erwartete hatte.
Wir hatten uns inzwischen jener Proto-Erde genug genähert, um in seinen Orbit einzuschwenken. Wir wussten um zwei Monde und um das Vorhandensein einer Atmosphäre mit Sauerstoff.
Ihnen ist sicher bekannt, dass eine relativ konstante Sauerstoffanhäufung – und sei es nur ein Anteil von unter drei Prozent – auf Basis astronomischer, sprich anorganischer Vorgänge nicht möglich ist. So etwas gibt es nur dort, wo auch Leben ist. Leider war in unserem Fall aber nicht genug Sauerstoff da für eine Lebensform mit uns vergleichbarer Atmung. Also liefen Routinen ab, wurde niemand zusätzlich geweckt. Ich spielte am Zoom. An sich konnte ich den Schirm so einstellen, dass er die Planetenkugel zeigte mit ihren vielen noch nicht definierten Flecken, aber wir waren schon deutlich dichter dran. Daneben ließ ich Wahrscheinlichkeitsrechnungen laufen. Hatte der Planet eine stark gegliederte Oberfläche: 98 Prozent ja. Wurden die optischen Wahrnehmungen durch Wolken gestört: 80 Prozent ja(steigend). Bestanden diese Wolken aus Wasserdampf: 41 Prozent ja(steigend), Gab es an der Oberfläche Meere oder Ozeane 46 Prozent ja(steigend) Entwickelte sich darin Leben 37 Prozent ja(schwankend). Mein Auge war verärgert über die Vorsicht des Computers. Ich war mir sicher, zwischen den Wolken eine Oberfläche mit zwei Ozeanen und dazwischen liegenden Landmassiven entdeckt zu haben. Da geschah es. Erst einmal ohne sichtbaren Grund schlug meine Stimmung um. Ich hatte plötzlich bessere, dann einfach gute Laune, schließlich hätte ich meinen Zustand vergnügt, berauscht, euphorisch genannt. Eine reine Füllung Freude. Ja, da entwickelte sich etwas. Ein Gefühl, ein Wissen. Da würde etwas leben, anders und ähnlich zugleich, schön, vielleicht nicht in unserem Sinne, sondern in sehr urtümlichen, aber erhabenem. Lauter Bilder. Ja. Inzwischen sah ich Bilder. Erst nur geometrische Spielereien, Abstraktes, dann Blätter, Bäume, Bauten. Etwas, was ich Menschen genannt hätte. Ich wollte … Ich weiß nicht, was ich wollte. Bis zu diesem Augenblick hielten sich zwei widerstreitende Eindrücke die Waage: Das Wissen, dass das alles nicht real sein konnte, Visionen aus Licht, und dass ich die Anderen hätte rufen müssen, aber ich konnte mich nicht rühren. So wie ich in schneller Folge etwas sah, was zeitlich weit voneinander entfernt liegen musste, so schien ich außerhalb aller Dimensionen zu sein. Ich konnte nichts tun, was nur eines Momentes echter Zeit bedurfte.
Aber ich war doch Forscher! Ich war doch mit einem Auftrag ins All geschickt worden. Ich musste diese Bilder festhalten. Die Anderen mussten sie sehen. Verifizieren. Der Computer würde sie speichern für die Menschheit. Aber erst einmal …
Diese tiefe Freude ließ ein wenig nach. Jana … Nicht, dass ich damals daran gedacht hätte. Später kam ich auf die Idee, die Schwankungen in der Stärke des Gefühls erwuchsen wahrscheinlich aus der Nähe der Wasser- und Landmassen unter mir. Hätte ich ausschließlich Land unter mir gehabt, wäre dieser Rausch wohl vergangen, mit allein Wasser wäre ich wohl durchgedreht. Immer war von beidem etwas da und meine Sinne flogen. Ich hätte die Welt umarmen wollen. Die da unten und meine Menschenwelt. Jana … Und da passierte die nächste Verwandlung. Ich wusste sofort, das da war nicht eine Vision der Welt, die da unten einmal sein würde. Auf dem Schirm sah ich etwas, was ich einmal mit meinen Augen gesehen haben werde. Ja, ja, ich sah mich etwas sehen. Also ich sah nicht mich, sondern ich sah, was ich sah. Es war so wahnsinnig schön. Dabei hätte ich mir nie, wirklich nie vorstellen können, dass ich das einmal schön finden könnte. Da lag eine Frau im Bett. Ich saß daneben, stand auf, setzte mich wieder. Und diese Frau entband gerade ein Baby. Und ich wusste, es war mein Baby. Und ich sah es ans Licht drängen. Und ich hörte die Frau gepresst atmen, sah ihren Bauch und ich fand diesen Bauch sexy. Und ich wollte ihn küssen, diesen Bauch, und legte doch nur meine Handfläche darauf, irgendwie mit der Hoffnung der Urahnen, aus der Schlangenbisswunde das Gift saugen zu können, ihr so allen Schmerz zu nehmen, damit auch sie nur Freude sei. Und dann hatte ich plötzlich das Baby in den Händen, das allerschönste Mädchen, das je auf der Erde geboren worden ist, und ich legte es der Frau an die Brust. Und sie sah mich an mit ihren riesengroßen blauen Augen und wartete, bis ich ihr ihre Haare nach hinten strich, ihre rötlich leuchtenden Haare, die mit Schweiß an die Stirn geklebt waren. Auf einmal zeigte der Schirm nichts Anderes mehr als strahlend blaue Augen und ich empfand nichts außer einem so intimem Glück, dass ich einen unbeschreiblichen Schreck bekam, als an derselben Stelle das vorige Bild der Planetenoberfläche zu sehen war. Ich wischte mir über die Stirn. Schweißtropfen. Noch immer hätte ich mich nicht gewundert über einen schrillen Babyschrei. Aber dann … Eines Tages werden Sie es nachempfinden, dieses Aufwachen. Diese Peinlichkeit.
Ich war doch krank, oder? Jeder hat schon einmal mehr oder weniger gut erdachte Geschichten über Raumkoller, Psychosen und Ähnliches gehört. Sollte mich so etwas erwischt haben? Dann kam mir ein anderer Verdacht. Jana war für alles, was nicht rational zu erklären war, viel zu vernünftig. Boris hingegen entwickelte mitunter einen sehr zweifelhaften Humor und er war mit Abstand der beste Programmierer im gesamten Team. Sollte er die Zeit genutzt haben … Sofort fiel mir auch ein, dass es einmal um Frauen und das Kinder kriegen gegangen war und ich ihm erzählt hatte, dass ich mir nichts Unheimlicheres vorstellen könne. Dass ich nichts Abartiger wüsste als Männer, die bei einer Entbindung dabei waren.
Na warte! Von wegen schlafen …
Was soll ich sagen? Es gab richtigen Ärger, als ich ihn weckte. Ich hatte ihn wohl doch aus dem Tiefschlaf geholt. Seltsamerweise scheute ich davor zurück, ihm den Grund zu gestehen. Ich behauptete einfach, das Bild auf dem Hauptschirm habe geflackert. Und bevor der ganz ausfiele …
Anfangs war Boris echt sauer. Was ich denn wolle? Alle Instrumente funktionierten einwandfrei. Dann jedoch las er das codierte Datenstromprotokoll. Er wurde immer unsicherer. Ich verstand die Ausdrücke nicht, mit denen er um sich warf. So wie er es dann für Steinzeitmenschen auf der Datenautobahn wie mich zu übersetzen versuchte, müsse eine externe Quelle ohne definierten Zugang und ohne Zugangsberechtigung unter Umgehung aller Sicherheitsroutinen kurzzeitig Unmassen an Impulsen eingespeichert haben. Eigentlich hätten komplexe Bilde in 3D-Format dabei entstehen müssen. Ich könne froh sein, dass es beim Flackern geblieben war. Aber sollte so etwas noch einmal auftreten, müssten wir auf jeden Fall auf direktem Weg zurück. Er würde die gestörten Sequenzen löschen. Niemand solle uns vorwerfen, wir hätten eine Gefährdung ignoriert. Dann aber sagte er etwas, was ich, wenn auch mit viel handfesterem Grund nur bestätigen konnte: Dieser Planet sei ihm unheimlich. Wir kommen hier sowieso zu keinen neuen Erkenntnissen. Wir sollten zusehen, dass wir weiter kämen!
Bis gestern schlug ich mich mit drei Erklärungen herum, die mir alle nicht recht waren. Die vernünftigste: Ich hatte irgendwelche Halluzinationen, war, wie auch immer, erkrankt. In diesem Fall hätte ich leichtfertig das ganze Unternehmen gefährdet, denn es hätte ja schlimmer werden können mit Schäden für alle.
Oder irgendwo im Rechnersystem hatte ein Virusprogramm gewirkt oder eine elektromagnetische Anomalie oder was auch immer. Dann träfe Boris die Schuld, weil er von uns der einzige war, der so etwas hätte erkennen und beseitigen können und müssen. Ich hätte sogar optimal reagiert, als ich ihn als ersten benachrichtigte. Allerdings spricht die Kombination meines unbeschreiblichen Hochgefühls und der verschiedenen Bilder dagegen.
Die unheimlichste Erklärung wäre die, dass die gewaltige ursuppenartige Masse ein Gesamtbewusstsein und weit reichende direkte Kommunikationswege entwickelt hatte. Was dies für künftige Raumflüge bedeutete, wage ich nicht auszumalen.
All diese Überlegungen haben heute eine neue Facette bekommen. Ich glaube, ich habe die Frau von dem Bildschirm gesehen. Ich habe sozusagen jemanden wiedererkannt, den ich in der Wirklichkeit noch nie gesehen habe. Bitte erlauben Sie mir, auf diese Geschichte nicht weiter einzugehen, bevor ich nicht auch die weiteren Details der Vision wiedererkennen konnte.“
Für einen kleinen Moment starrten die Schülermassen George abwartend an. Da musste doch noch etwas kommen … Dann aber drehten sich einige verstehend zu Jenny um und was in den folgenden zwei Minuten gesagt wurde, ging im Trampeln von Schülerbeinen unter. Irgendwie waren sie eben doch nicht so erwachsen, wie sie gern hätten gesehen werden wollen.
George wischte sich Schweißperlen aus dem Gesicht. Wer ihm sehr nahe gestanden, hätte geahnt, dass er einen Teil seines Vortrags wie unter hypnotischem Zwang gehalten, dass er nicht einmal bestätigt hätte, was er gesagt hatte. Aber in dem Saal stand ihm niemand nahe. Noch nicht.

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