Mittwoch, 31. August 2011

Eine Reinigung



Er lächelte. Also das war noch wie in den Jahren zuvor. „Wasserschutzgebiet“. Dasselbe rechteckige Hinweisschild wie seit eh und je und daneben das dreieckige mit der Eule „Landschaftsschutzgebiet“. Nichts deutete darauf hin, dass inzwischen die Außenstation eines biologischen Forschungsinstituts eröffnet haben sollte. Im lokalen Werbeblättchen war ein kleine Artikel erschienen. Es wurde vor dem wilden Baden dort gewarnt. Man erprobe neuartige Methoden der Sauberhaltung des Wasserbiotops. Biologische. Solche, die alle Stoffe, die komplizierter als H2O waren radikal und schnell verarbeitet wurden.
Hinter Reinhard ruhte die Reihe der parkenden Autos am Straßenrand. Es waren eindeutig zu viel, als dass sie zu den Anwohnern gehören konnten. Schnell rüber über die Marienstraße. Nun ging es nur noch den schmalen Pfad weiter. Wenn ihm jetzt eine Familie im Gänsemarsch oder Radfahrer entgegengekommen wären, wäre er auf den Wiesenrand ausgewichen. Da kam aber niemand. Dafür stieß er auf den Hauptweg und der tauchte in ein strauch- und baumkronenüberschattetes Wegstück ein. Man musste schon wissen, wohin man wollte. Er wusste es. Nun kam die nächste Gabelung. Rechts die Strandecke für die Ghetto-Nackten, links der freie Strandabschnitt, an dem sich Nackte und Textilierte relativ harmonisch mischten. Vielleicht die Bekleideten eher weiter hinten, zur Insel hin.
Reinhard wählte den linken Pfad. Das hatte einen Nachteil: Er ging direkt auf den Müllpunkt zu.
Der Müllpunkt war ein typisches Produkt deutscher Bürokratie. Natürlich konnte es an dem See keine Badestelle geben. Wo keine Badestelle war, konnte es keine sanitären Einrichtungen, Müllsammelplätze und Ähnliches geben. Andererseits gab es diese Badestelle seit Jahrzehnten. Richtiger: Rund um den See wurde gelagert, um zu baden, an dieser Ställe nur geballt. Also hatte irgendwann einmal jemand am Beginn dieses Strandes, der kein Badestrand sein durfte, eine Stange eingepflanzt und an dieser Stange einen großen blauen Plastiksack befestigt. So hätte „man“ dort seinen Müll hineinstopfen können. Reinhard gehörte nicht zu den Eisbadertypen. So hatten immer schon Massen die Saison vor ihm begonnen. Jedenfalls kannte er den Platz um den Müllsack nur in immer gleichem Zustand. Etwa im Umkreis von zwei Metern lagen Joghurtbecher und Reste vergangener Zeiten so sorgsam verstreut, als hätten in irgendeinem der vergangenen Jahre Wildschweine die Hoffnung auf Fressbares zu spät aufgegeben. Vielleicht sollte dieser Anblick die eintreffenden Badelustigen von ihrem Vorhaben abhalten. Schon lange gingen die aber mit galantem Wegseh-Blick daran vorüber. Natürlich auch Reinhard. Diesmal aber hatte der blaue Sack einen Bruder bekommen, und jemand hatte sehr sorgfältig allen herumliegenden Müll beseitigt. Jedenfalls war kein einziges Teil zu sehen, das nicht natürlich gewachsen wäre. Allerdings waren so viele Badende am Rand des Sees verstreut wie immer.
Reinhard entledigte er sich seiner Kleidung. Achtlos platzierte er sie neben die ausgebreitete Decke und die Schuhe. Noch ein Kontrollblick: Es waren keine Hirsche in unmittelbarer Nähe. Nachdem er nicht mehr mit Frau und Tochter aufwarten konnte, war es ihm eine echte Peinlichkeit, selbst für ein Hirsch gehalten zu werden. Aber sollte er deshalb etwa mit der Tradition des Nacktschwimmens brechen? Geballt traten die Hirsche auf der unmittelbar gegenüber liegenden Seite des Sees auf. Mitunter lungerten ganze Gruppen tief gebräunter nackter Männer miteinander plaudernd am Ufer herum, um ein paar auffällig unauffällige Blicke auf sich ausziehende junge Mädchen werfen zu können. Auf Reinhards Seite gab es auch diesen Badetyp männlich, alleinstehend und ab 40 Jahre alt. Aber hier achtete wenigstens jeder auf ausreichenden Abstand zum nächsten. Alles war wie alle Jahre zuvor. Und an die Boxershorts der jungen Männer, die Reinhard für echte oder verkappte Russen hielt, hatte er sich gewöhnt. Er holte das Taschenbuch heraus, das ihm seinen Mix aus Bücherlesen am Sonnengrill und Nachbarschaftsstudien erlaubte. Irgendwann dann war seine Haut vorn, hinten, rechts und links etwa gleich heiß. Zeit, sich abzukühlen.
Zuerst kam noch der Gang ins Buschwerk der Verdauungsentsorgung wegen. Dann hieß es, langsam ins Wasser eintauchen. Der See bot eine besondere Wahlmöglichkeit: Bei windigem Wetter hätte Reinhard die kurze Strecke quer zu den Hirschen durchschwimmen können. Der See war aber relativ lang gestreckt und Reinhards Klassiker war es, die Längsstrecke auf der Hirschseite entlang zu schwimmen, dann an dem reinen Textilstrand an der anderen Seespitze vorbei und schließlich auf der anderen Seite der Insel zurück, so etwa 1000 Meter ruhiges Brustschwimmen als sportlichen Sommerhöhepunkt. Da konnte er sich nachher einen Pluspunkt in persönlicher Gesundheitsvorsorge anschreiben. Allerdings wagte er diese Tour immer erst, wenn er schon seiner Form sicher war. Diesmal schwamm er auf die andere Seite und dann immer am schmalen Sandstrandstreifen entlang. Eine Weile war die in ausreichendem Abstand vorüber schwimmende Entenfamilie der einzige Höhepunkt dieses Badeausflugs. Reinhard bemühte sich, kein Wasser in Mund, Nase oder Ohren zu bekommen. Mitunter war er einem schwimmenden Gewächs begegnet, das sehr verdächtig an halb zerfallene Darmausscheidungen erinnerte, und auch sonst wagte er sich nur deshalb in dieses Gewässer, weil er um seine widerstandsfähige Haut wusste. Insofern irritierten ihn die beiden Jungen, die begeistert etwas ins Wasser warfen, eine Fütterung, die sich weder an Enten noch an Schwäne richtete. Von jenen Wesen, die sonst ohne Böses zu ahnen, ins Wasser schissen, war keines zu sehen. Als Reinhard näher heran war, sah er es: Dort schwammen Fische! Reinhard kannte sich mit den Arten nicht aus. Es war auf jeden Fall ein Schwarm mit Tausenden Tieren. Manche hatten noch Stichlingsmaße, einige hätten sich aber schon gut in einer deftigen Fischsuppe ausgemacht. Die, die länger als etwa zehn und breiter als vier Zentimeter waren, fielen durch golden schimmernde Schuppen auf. Reinhard machte eine kurze Pause. Irgendwie hatte der Anblick des Fischlebens etwas Beruhigendes. Hübsch sahen sie aus und dass sie in diesem Wasser wirklich lebten und sich vermehrten, war doch ein positives Zeichen. Und noch ein recht unschuldiges Seeerlebnis erheiterte ihn. Fast schon am Ende des Sees angekommen, wurde er von unten gestreichelt. Unmengen an Wasserpflanzen, irgendwelcher Tang oder was auch immer strebte dem Licht und in diesem Fall Reinhards Körper entgegen. Sofern er darauf achtete, dass sich seine Füße nicht darin verfingen, krabbelten sie beim Überschwimmen den Bauch abwärts. Schade eigentlich, dass er die Stelle schon verlassen musste.
Nein. Musste er nicht ganz. Er konnte ja diesmal auf der Strecke wieder zurück schwimmen. Dann umkreiste er eben nicht die doofe Insel.
Zur Halbzeit horchte er in sich hinein. Das Ergebnis stellte ihn zufrieden. Kaum Erschöpfung. Die Muskulatur hatte die ersten Anpassungsprobleme an die ungewohnte Belastung überwunden. Er hätte auch abkürzen und quer übern See schwimmen können. Aber ihn erwarteten ja Pflanzen und Fische. Und ein anderes Problem ...
Er wusste nicht, wie es den anderen Badenden ging. Bei ihm regte das Schwimmen in deutlich unter Körpertemperatur kühlem Wasser die Blasentätigkeit an, trotzdem er ja extra vor dem Start etwas dagegen getan hatte. Aber auch das hatte seinen Reiz. Bei dem ruhigen Wasser konnte er sich ganz darauf konzentrieren, die unbedeutende Menge des Natursekts in das Schwimmwasser auszustoßen.
Ah, das tat gut!
Das Gefühl änderte sich schnell. Hatte er schon den Tangteppich erreicht? Waren es Fische? Auf jeden Fall verwandelten sich die Teile seines Körpers, die nicht die Stromlinienform eingenommen hatten, plötzlich in einen Sender intensiver Impulse. Brennen. Stechen. Als ob sie eine Nadelkissenhand fest umschlungen hielte. Dieser Schmerz, ja, Schmerz hätte er es bei aller Überraschung durchaus genannt, endete schnell. Er spürte die Region noch, aber eher wie man etwas bei örtlicher Betäubung spürt. Also so eher nein als ja.
Eine schleichende Panik hatte Reinhard erfasst. Er warf alle Vorsätze über Bord. Nur schnell zurück. Nein, keine Armzüge wie beim Brustschwimmen, wo ihm das Wasser noch in die Augen hätte kommen können. Nur effektiv Zug für Zug schnell quer übern See.
Reinhard hatte das Gefühl, er spielte in einem Film über Schiffbrüchige mit. Das Stück Ufer, das er erreichen musste, wollte und wollte nicht näher kommen. Nur nicht umsehen! Selbst, wenn das der Beweis gewesen wäre, dass er eben doch viele Meter weiter war. Aber … Ganz ruhig! Schwimmen. Es ist nichts. Es ist nichts!
Mit der schnell einsetzenden Erschöpfung kam glücklicherweise ein vernünftiger Gedanke. Es wäre wohl das Blödste gewesen, durch offensichtliche Panik den ganzen Strand auf sich aufmerksam zu machen. Und es gab keinen Grund, jetzt auch noch das Ertrinken oder die öffentliche Blamage zu riskieren. Außerdem konnten Empfindungen im Wasser extrem täuschen. Wenn ihm da unten … das wäre viel schmerzhafter gewesen. Also ruhig weiter schwimmen!
Als Reinhard endlich die Füße auf Grund senken konnte, stellte er halb beruhigt fest, dass ihn niemand beachtete. Es waren nicht sehr viele Schritte zwischen dem Punkt, an dem das Wasser bis zum Bauchnaben reichte, und dem Platz auf der Decke, dem Platz, an dem Reinhard sich ein Handtuch um den Bauch wickeln konnte. Entgegen jeder Vernunft verwunderte ihn nun ein völlig abwegiger Gedanke: Er blutete überhaupt nicht! Er hatte gar keine offene Wunde. ER war nur einfach weg.
Reinhard war absolut nicht der Typ für Öffentlichkeit. So war ihm eher wichtig, dass er in keiner Beziehung lebte. Und dieses unerwartete äußere Ereignis nahm ihm die lästige Pflicht ab, sich um eine neue engere Beziehung zu bemühen. Er würde von nun an alle Situationen meiden, in denen jemand entdecken konnte, was er in der, richtiger, was er eben nicht mehr in der Hose hatte. Und gepinkelt, gepinkelt hatte er auch früher schon oft im Sitzen.

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